Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Publikum bei einem großen Kongress. Die Themen der beiden nächsten Redner klingen interessant: Ein Konzernchef will laut Programm „das Geheimnis des Erfolges der XY AG“ offenbaren, anschließend möchte ein Mittelständler über „IT-Lösungen der Zukunft“ sprechen. Der Moderator kündigt den Vorstandsvorsitzenden an und macht Hoffnung auf einen spannenden Vortrag. Seine Anwesenheit sei eine besondere Ehre, da er öffentliche Auftritte weitgehend meide. Wenig später weiß das Publikum auch warum.
Es erhebt sich ein etwas beleibter Herr. Man sieht auf den ersten Blick, dass der Anzug zu eng ist. Die altmodische Krawatte passt nicht zum Hemd. Er schwitzt. Mit flatternden DIN A4-Blättern unter dem Arm geht er mit leicht gebückter Haltung und angespannter Miene in Richtung Rednerpult.
Der Konzernchef hat bereits Chancen verspielt, bevor er überhaupt etwas gesagt hat – durch seine Kleidung, seine Haltung, seinen Gang, seine Mimik. Menschen machen sich schon in den ersten Sekunden ein Bild von einer fremden Person, wollen sie einordnen, in eine Schublade stecken. Und viele Kongressteilnehmer sagen sich: „Ein erfolgreicher Manager sieht anders aus“. Bei den meisten ist die Schublade aber noch halb geöffnet, sie denken: „Mal hören, was er zu sagen hat“. Mit einer lebendigen und überzeugenden Rede könnte er den ersten negativen Eindruck verdrängen und alles wieder rausholen. Er muss jetzt Gas geben – dann kommt er auch in die „Gewinner-Schublade“.
Doch was macht der Konzernchef? Er klammert sich an sein Manuskript und liest ab: “Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bin kein Mann vieler Worte und kein großer Redner…” Er redet sich selbst klein – und behält leider recht: In seinem viel zu langen Vortrag liest er mit leiser, monotoner Stimme endlose Schachtelsätze herunter. Voll von Fachterminologie, die nur die Hälfte der Anwesenden versteht. Er hat kaum Blickkontakt zum Publikum. Er klickt sich lieber durch eine mit Tabellen, Grafiken und Zahlen überfrachtete PowerPoint-Präsentation, die offenbar ein Praktikant zusammengestückelt hat. Der „spannende“ Inhalt? Die minutiös aufbereitete Unternehmensgeschichte, ohne „Geheimnis“ oder Blick in die Zukunft. Irgendwann bemerkt der Redner, dass ihm sein Auditorium wegsackt. Er wird nervös, liest schneller ab und verhaspelt sich dabei. Seine Stimme überschlägt sich, als er sich entschuldigt, dass er die Redezeit wohl falsch eingeschätzt habe. Er überspringt nun die meisten Charts und kommt bald zum bitteren Ende. Als er, begleitet von einem höflichen Applaus, wieder seinen Platz erreicht, wirkt er sichtlich erleichtert – und mit ihm das Publikum. Es denkt: „Ist schon bemerkenswert, dass der es so weit nach oben geschafft hat…“
Nun ist der Mittelständler an der Reihe. Er ist ebenfalls kräftig gebaut, aber bei ihm sitzt der Anzug. Er strahlt von Anfang an Dynamik aus, läuft lächelnd zum Pult. Man denkt: „Der scheint sich ja richtig auf seinen Auftritt zu freuen.“ In der Hand hält er einige Kärtchen, auf die er nur ab und zu einen Blick wirft. Offenbar ist er bestens vorbereitet. Er beschränkt sich auf wenige, anschauliche und professionell gemachte Charts. Ein paar Mal nutzt er ergänzend das Flipchart. Seine Worte beweisen fachliche Kompetenz. Alle verstehen ihn, denn er spricht Deutsch und kein Fachchinesisch. Interessante Fakten verbindet er geschickt mit den Erfolgen und Zielen seines Unternehmens. Mit klarer, kräftiger Stimme betont er seine Kernthesen. Er stellt rhetorische Fragen und macht Kunstpausen. Er zieht Vergleiche, spricht bildhaft, gibt Beispiele und erzählt von eigenen Erlebnissen. Er lächelt und lacht, streut ab und zu einen kleinen Gag ein. Er schaut ins Publikum und nimmt dessen Feedback auf, er kommuniziert mit den Leuten. Sie hängen an seinen Lippen – und sind dankbar, dass er ihnen den Tag rettet. Tosender Applaus. Der Mittelständler hat sich und sein Unternehmen glänzend präsentiert.
Zugegeben: Die beiden Beispiele sind extrem. Denn die meisten Redner sind nicht gut oder schlecht, sondern mittelmäßig. Sie spulen ihren Vortrag ohne Auffälligkeiten herunter – und reißen damit keinen vom Hocker.
Doch bei den vielen Reden, die ich live erlebt habe, ist es schon mehrfach wie bei dem Konzernchef abgelaufen: Top-Manager, von denen das Auditorium zu Recht viel erwartete, die mit ihren Auftritten jedoch kläglich scheiterten – durch Unsicherheit, mangelnde Vorbereitung, langweiligen Inhalt, schlechte Charts. Marketing- und PR-Abteilungen betreiben viel Aufwand, um ihr Unternehmen im besten Licht darzustellen – als dynamisch, innovativ, erfolgreich. „Reputation Management“ lautet dabei eines der Zauberworte. Wenn dann ein Unternehmenschef auftaucht, dessen Persönlichkeit dem mühsam erarbeiteten Image widerspricht, wundert sich das Publikum. Das gilt sogar für die Kleidung. Grundsätzlich kann man natürlich die Klamotten tragen, in denen man sich wohl fühlt. In höheren Positionen ist eine Stilberatung jedoch sehr empfehlenswert. Gibt es einen Dresscode, sollte man ihn auch beachten – es sei denn, Sie möchten bewusst auffallen. Ob man will oder nicht: Mit Äußerlichkeiten (zu denen auch alle „Statussymbole“ wie Autos, Schmuck, Handy usw. zählen) gibt man ein Statement ab. Zum Beispiel, wenn der Chef zum Gala-Dinner im Strickpullover erscheint. Oder wenn der Praktikant im neuen Porsche vorfährt.
Zurück zum Rednerpult. Auch wenn der Mann auf der Bühne keine gute Figur abgibt – zu seiner Verteidigung könnte man sagen: „Er wird schon seine Fähigkeiten haben, sonst würde er kein großes Unternehmen führen.“
Ja und Nein. Niemand setzt bei einem Manager Showtalent voraus. Doch das Publikum spürt sofort, wenn der Redner sich nicht ausreichend vorbereitet hat – und empfindet dies als Beleidigung. Manager haben für die Vorbereitung zu wenig Zeit? Schlechte Ausrede, denn Rede-Termine sind Top-Termine. Natürlich kann man nicht erwarten, dass sie sich tagelang mit einer Rede beschäftigen. Aber Führungskräfte sind schließlich Meister im Delegieren: Mit dem richtigen Redenschreiber und Rhetorikcoach können sie die Vorbereitungszeit minimieren und das Ergebnis optimieren.
Doch wenden wir uns noch der anderen Seite zu: Den Rednern, die überzeugen, begeistern, mitreißen. Rednern, bei denen die Macht der Rhetorik spürbar wird. Rhetorik ist die Kunst der Rede. Wer diese Kunst beherrscht, findet nicht nur die richtigen Worte. Er entfaltet seine Wirkung durch seine gesamte Persönlichkeit, durch sein Charisma. Die potenziell enorme Wirkung auf die Massen kann geradezu beängstigend sein: Wir alle kennen die berühmt-berüchtigten Beispiele der großen (Ver-)Führer aus der Weltgeschichte.
Doch manchmal trifft man in ganz „normalen“, unpolitischen Veranstaltungen auf Redner, deren rhetorische Kraft umwerfend ist.
Ich habe mich natürlich oft gefragt, was dieses gewisse Etwas ausmacht. Und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass man „brennen“ muss. Die besten Redner sind diejenigen, die für ihre Sache voll und ganz und zu 150 Prozent brennen. Aus denen die Begeisterung heraussprudelt. Die etwas zu sagen haben. Glaubwürdig und authentisch. Sie wollen mit dem, das sie bewegt, andere bewegen – zum Denken und Handeln. Redner, die für etwas fiebern, erfüllen die beste Voraussetzung, dass ihre Zuhörer mitfiebern. Zum Beispiel, weil sie sich mit ihrem Thema bestens auskennen und darum frei reden können.
Natürlich kann es auch „brennenden“ Rednern passieren, dass etwas schief läuft. Etwa dass sie sich mit ihrem großen Wissen verzetteln, nicht auf den Punkt kommen, zu fachlich werden.
Doch wozu gibt es Rhetorikseminare? Dort können sie lernen, wie sie ihre Reden so vorbereiten, dass sie erfolgreich sind.