Lampenfieber

Vielleicht kennen Sie das: Sie sollen gleich etwas vor anderen Leuten sagen – und fühlen sich gar nicht wohl dabei. Ihr Puls rast, Sie sind kurzatmig, der kalte Schweiß steht Ihnen auf der Stirn. Ihre Hände sind feucht und zittern. Und wenn Sie loslegen sollen, haben Sie weiche Knie. Ihr Kopf ist knallrot, Ihr Mund trocken. Ihre Stimme klingt ganz heiser und überschlägt sich sogar. Oder der „Super-Gau“ tritt ein: Sie kriegen keinen Ton raus. Nichts. Blackout. Sie können keinen klaren Gedanken fassen und wollen sich schnellstmöglich ins kleinste Mauseloch verkriechen.

Typische Symptome von Lampenfieber. Kennen Sie gut? Trösten Sie sich: Denn Sie sind nicht allein. Es handelt sich um eine Volkskrankheit. Bei Umfragen schafft es die „Angst, vor fremden Leuten zu sprechen“ regelmäßig in die Topten der größten Ängste.

Es leiden auch Leute unter Lampenfieber, von denen man es gar nicht vermuten würde: Menschen, die im Alltag sehr kommunikativ und selbstbewusst sind. Und sogar Profis wie Fernsehmoderatoren, Politiker, Schauspieler oder Rockstars schlottern vor ihren Auftritten wie Warmduscher nach dem Eisbad.

Ich kann mich gut an eine frühere Kollegin erinnern. Sie redete gerne und viel, lachte laut, war frech, witzig und eloquent. Nun kam der Tag, an dem sie in einem Meeting vor etwa 20 Kollegen zehn Minuten zu irgendeinem Thema referieren sollte. Wir waren voll freudiger Erwartung auf einen kurzweiligen Vortrag. Doch die Kollegin war wie verwandelt. Noch bevor sie dran war, fiel mir ihre starke Nervosität auf. Ihr sonst offenes, freundliches Gesicht war wie versteinert. Als sie aufstand und die ersten Worte sagte, zitterte sie am ganzen Leib, auch ihre Stimme vibrierte. Mimik und Gestik wirkten maskenhaft und verkrampft. Alle Anwesenden waren sehr überrascht und etwas peinlich berührt. Wir litten regelrecht mit ihr. Was war nur los? Wir waren doch unter uns. Sie bemerkte unsere Irritation, was die Sache nur verschlimmerte – bis sie in Tränen ausbrach und den Raum verließ.

Einige Tage darauf hatte ich Gelegenheit, mit ihr über den Vorfall zu sprechen. Sie erzählte mir, dass sie schon seit Wochen vor Aufregung kaum geschlafen hätte. „Vor so vielen Leuten stehen und auf Befehl etwas Schlaues sagen, das kann ich einfach nicht“, sagte sie. Alle Gedanken hätten sich auf den „blöden Redetermin“ fokussiert. Und immer wieder habe sie sich vorgestellt, dass sie „versagen“ würde, und genau das sei ja dann auch eingetreten. Ich versuchte, ihr Mut zu machen und riet ihr zu einem Rhetorikseminar.

Ein paar Wochen später kam meine Kollegin strahlend auf mich zu. Sie hatte gerade ein Rhetoriktraining absolviert und sagte: „Dieses Seminar hat mein Leben verändert. Ich kann jetzt vor anderen Leuten reden.“

Und tatsächlich erlebte ich kurze Zeit später, wie die Kollegin in einem anderen Kreis wieder ein Referat hielt. Und diesmal war sie so wie immer: Frech, witzig und eloquent. Und sie beendete ihren Vortrag mit einem lauten Lachen.

Heute bin ich selbst Rhetoriktrainer. Manche Kollegen suggerieren, dass sie die Teilnehmer ihrer Seminare quasi über Nacht in grandiose Redner verzaubern könnten. Das halte ich für unseriös. Andererseits – und das klingt jetzt etwas pathetisch – kann ein Rhetorikseminar wirklich das Leben verändern: Menschen können dort ihre Redeangst überwinden, viel über sich selbst lernen und selbstbewusster werden. Dabei habe ich insbesondere mit videogestütztem Vortragstraining sehr gute Erfahrungen gesammelt. Meistens sehen und hören die Teilnehmer sich zum ersten Mal selbst eine Rede vortragen. Nach einem ersten „Schock“ gibt es so etwas wie eine „Selbsterkenntnis“ – nach dem Motto: „Stimmt, das bin ich!“. Durch meine Tipps und Anregungen und durch das positive Feedback aus dem „Publikum“ werden meist sehr schnell Erfolge sichtbar. Die Teilnehmer erleben, dass sie viel besser „rüberkommen“ können, als sie es jemals von sich gedacht hätten.

Und sie lernen Lampenfieber senkende Medikamente kennen:

-       Der bitterste, aber auch beste Wirkstoff ist die gründliche Vorbereitung. Ihr habe ich eine eigene Rubrik in diesem Blog gewidmet. Wenn Sie gut vorbereitet und „voll im Thema“ sind, weicht die Redeangst automatisch.

-       Die innere Einstellung, die man durch Autosuggestion ins Positive wenden kann. Wie meine damalige Kollegin erleben manche Redner das Phänomen „sich selbst erfüllender Prophezeiungen“. Sie befürchten, dass dieses oder jenes schief gehen werde. Und dann geht es tatsächlich schief. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass sich der Mensch durch Autosuggestion sehr gut selbst „manipulieren“ oder „programmieren“ kann. Etwa wenn man schlecht gelaunt ist: Dann kann man sich einfach im Spiegel anlächeln (sprich: Mundwinkel nach oben ziehen), schon geht es einem nachweislich besser. Autosuggestion klingt vielleicht etwas geheimnisvoll. Es geht schlicht darum, immer wieder zu sich selbst zu sagen: „Ich freue mich auf diesen Vortrag. Ich kann es kaum erwarten, anderen Leuten mein Wissen oder meine Sichtweise mitzuteilen.“ So simpel das klingt: Die Wirkung ist verblüffend.

-       Viele vom Lampenfieber Geplagte haben Angst vor dem Publikum. Vor der Menge an Menschen, deren Blicke auf den Redner gerichtet sind. „Grinst da nicht einer? Warum tuscheln die da in der vierten Reihe? Die haben bestimmt was gegen mich! Und dahinten ist Professor Meier, der weiß doch viel mehr über das Thema als ich.“

Auch hier hilft die innere Einstellung. Sagen Sie sich: „Das sind alles nette Leute, die einfach einen guten Vortrag hören wollen.“ Natürlich ist es Teil der Vorbereitung, das Publikum vorab bestmöglich zu analysieren – zum Beispiel, um es nicht mit Fakten zu langweilen, die es längst kennt. Man sollte es mit der vermeintlichen Empathie jedoch keinesfalls übertreiben: „Wenn Dr. Müller kommt, muss ich auch sein Lieblingsthema ansprechen“, „wenn ich diese Geste so mache, wirkt das vielleicht unsicher“, „wenn ich diesen Satz so formuliere, wird das vielleicht so oder so interpretiert.“ Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken – das macht Sie nur verrückt. Seien Sie gelassen, ihr Publikum ist es auch. Sagen Sie sich: „Wenn tatsächlich irgendetwas Unvorhersehbares passieren sollte, werde ich schon angemessen reagieren.“

-       Ein Weg zu mehr Sicherheit ist ein gut ausformuliertes Manuskript. Natürlich ist es schöner, wenn Sie frei reden. Doch allein die Tatsache, dass Sie den kompletten Redetext für den „Notfall“ dabei haben, macht ihn im „Normalfall“ bereits überflüssig – reine Psychologie.

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